Bericht aus Seattle

Ich habe mich Ende letzten Jahres dazu entschieden in Amerika zu studieren und zu rudern. Genauer gesagt an der University of Washington in Seattle. Am 1. Januar bin ich dann nach Seattle geflogen. Viel Gewöhnungszeit gab es nicht, denn am 3. Januar ging schon die Uni los und das Training natürlich auch. Ich darf leider nicht wirklich viele Angaben über Zeiten und das Training generell machen. In den USA wird die Geheimhaltung von Trainingsplänen und -ergebnissen sehr streng gesehen.

Ich konnte mich ganz gut einleben und an das neue Training gewöhnen. Mein Tagesablauf sah so aus, dass ich morgens gegen 5:50 aufgestanden bin und dann runter zum Bootshaus gelaufen bin und trainiert habe. Gegen 9 Uhr bin ich dann vom Bootshaus aus ca. 10 min zur Uni gelaufen und hatte meine Vorlesungen. Nachmittags fing das Training meist um 15 Uhr an und nach dem Training gab es dann Abendessen am Bootshaus. In Seattle kann man ganzjährig aufs Wasser gehen. Zum Glück, denn das Ruderrevier dort ist echt schön. Und wenn der Himmel nicht gerade komplett mit Wolken bedeckt ist gibt's morgens beim Training fantastische Sonnenaufgänge zu sehen (eine kleine Entschädigung für das frühe Aufstehen). Auch der Ausblick auf die Bergkette oder den großen Mount Rainier bei wolkenfreiem Himmel ist fantastisch.  

Das, was das viele Training mit vielen Kilometern und wöchentlichen Belastungen hier so ertragbar macht, ist das Team mit dem ich dort trainiere. Bis jetzt gab es noch kein Training, bei dem keine gute Stimmung war - und selbst wenn der Großteil des Teams nicht mehr ganz so viel Motivation hat, gibt's immer ein paar Leute, die die Stimmung wieder hochbringen.

Anfang März durfte ich dann mein erstes Rennen für die University of Washington fahren. Die Regatta fand in Las Vegas statt und die Landschaft um die Regattastrecke war sehr beeindruckend. Die Regatta konnte unser angereistes Team, erster und zweiter Varsity-Achter und der erste Varsity-Vierer, sehr erfolgreich beenden. Ich saß im zweiten Varsity-Achter. "Varsity Team" bedeutet, dass es der Teil vom Team ist, der zu Regatten fährt.

Am ersten April-Wochenende hatten wir wieder eine Regatta, diesmal in Redwood Shores (in der Nähe von San Francisco). Auch diese Regatta wurde im "Duell-Stil" ausgetragen: also wieder nur zwei Boote in einem Rennen. Diesmal hatten wir jedoch verschiedene Gegner. Unser Team konnte sich wieder sehr gut präsentieren. Alle Boote, bis auf den zweiten Varsity-Vierer (der ein Rennen verlor), haben alle Duelle gewonnen. Also ein fast perfektes Wochenende.

Für zwei weitere Regatten saß ich noch im zweiten Achter, bis ich dann Ende April in den ersten Achter gesetzt wurde und dort auch den Rest der Saison weiterruderte. Auch die folgenden Regatten war meine Uni immer sehr erfolgreich. Am 14. Mai waren dann die regionalen Meisterschaften der West-Küste, bei denen unser gesamtes Team, Männer und Frauen, alle Rennen gewann. Das war schon eine ziemlich besondere Sache. Zwei Wochen später (am 26. bis 28. Mai) fanden die nationalen Meisterschaften für die Frauen-Teams der Unis statt. Auch dort konnte unser Team noch einmal die gute Leistung der vergangenen Regatten bestätigen, und wir konnten in allen Bootsklassen gewinnen. Damit haben wir Geschichte geschrieben, denn es ist noch nie zuvor vorgekommen, dass eine Uni alle drei Bootsklassen gewinnt bei den NCAA (National Collegiate Athletic Association) Meisterschaften. Mein erstes Jahr im Uni Team lief also ausgesprochen gut!

Natürlich rudere ich hier nicht nur, sondern gehe auch zur Uni. Teilweise kann es schon etwas stressig werden mit der Uni und dem vielen Training, aber es hält sich im Rahmen und man kann beides ganz gut miteinander vereinbaren. Zwei Quartale habe ich schon hinter mir und auch die Uni gefällt mir ganz gut. Die Vielfalt der Kurse, die man belegen kann ist groß. Was mir auch sehr gut gefällt ist, dass ich mich noch nicht auf einen Studiengang festlegen musste, sondern mir damit noch ein bisschen Zeit lassen kann und erstmal verschiedene Kurse ausprobieren kann.

Anfang Juni bin ich zurück nach Deutschland gekommen, um auf deutschen Regatten zu starten. Auf den Deutschen Meisterschaften konnte ich mich dann für die U23-Nationalmannschaft qualifizieren und werde somit Ende Juli in Bulgarien bei der U23-WM starten. Im September gehen dann das Training und die Uni in Seattle wieder los.


 

Interview mit Tabea

 

Hallo Tabea, erstmal herzlichen Glückwunsch zu Deinen Goldmedaillen bei den Deutschen U23-Meisterschaften und zu Deiner WM-Nominierung.

Du studierst und trainierst seit Anfang Januar in Seattle/USA. Wie gefällt es Dir dort?

Vielen Dank! Genau, ich studiere an der University of Washington in Seattle und mir gefällt es dort sehr gut. Ich kann die Uni mit dem Rudern dort sehr gut verbinden, und das Trainieren in dem großen Team der Uni-Mannschaft macht sehr viel Spaß.

 

Wie bist Du an den Platz in den USA gekommen. Kann man sich dort einfach bewerben?

Bei mir war es so, dass ich letztes Jahr nach dem Sieg im Achter bei den Junior-Europameisterschaften von mehreren Universitäten aus den USA kontaktiert wurde. Die Trainer der Uni-Teams gucken bei großen internationalen Regatten im Junior- und U23-Bereich nach erfolgreichen Sportlern, die sie zu sich an die Uni holen könnten. Natürlich kann man sich auch selbstständig bei den Unis bewerben.

 

Wie lange willst Du in den USA bleiben?

Ich plane, meinen Uni-Abschluss dort zu machen - also jetzt noch etwa drei Jahre da zu bleiben.

 

Wie sieht es mit der Finanzierung des Auslandsaufenthaltes aus? Hast Du ein Stipendium bekommen?

Ja, ich habe ein Vollstipendium erhalten. Also mir werden Unterhaltskosten, das Studium und die Kosten, die durch den Sport entstehen, bezahlt. Ohne das Stipendium würden da sehr hohe Kosten auf mich zu kommen. Selbst muss ich nur noch die Flüge nach Seattle und zurück bezahlen.

 

Du warst bei den Deutschen Meisterschaften und der Ratzeburger Regatta im Achter, Vierer und Zweier sehr erfolgreich. Die gesetzten DRV-Boote hatten immer das Nachsehen. Wie ist das zu erklären?

So genau weiß ich das auch nicht. Die anderen Boote trainieren natürlich auch viel und waren denke ich auch sehr motiviert für beide Regatten. In den USA wird einfach nochmal etwas anders trainiert. Und für uns ist es natürlich gut, dass wir uns mit dem Training auf den deutschen Regatten so gut präsentieren konnten. Dazu beigetragen hat auch die Unterstützung durch unsere Heimtrainer aus Dortmund, Ratzeburg und Münster, die sich um das Melden für Regatten und die Verfügbarkeit von Booten gekümmert haben. Da hat die Zusammenarbeit wirklich gut geklappt!

 

Kannst Du uns das Geheimnis des Erfolges verraten?

Ich denke, dass die Unterstützung von Sportlern sehr wichtig ist und in den USA einfach gut funktioniert und natürlich sind die Trainingsmethoden etwas anders.

 

Wo sind die Unterschiede zwischen deutschem und amerikanischem System? Trainingsmethoden? Trainingsbedingungen? Trainer? Umfeld? Motivation?

Über unsere genauen Trainingsmethoden darf ich nichts verraten, die sollen Uni-intern bleiben. Aber eine große Rolle spielt die gute Vereinbarkeit vom Studium und dem Training, die Trainingsmotivation und die generelle Unterstützung der Sportler in jeglichen Bereichen. Bei mir an der Uni ist es so, dass das Bootshaus auf dem Campus ist, ich also vom Training zu Vorlesungen nur ca. zehn Minuten zu Fuß gehen muss. Das macht schon einiges aus, wenn man nur kurze Wege hat. Unter der Woche bekommen wir auch Essen im Bootshaus. Also muss man sich darum auch nicht selbst kümmern. Das Training im großen Team mit über fünfzig anderen Frauen macht unglaublich viel Spaß, da kann man sich doch nochmal besser motivieren als wenn man nur alleine oder zu zweit trainiert. Zusätzlich wird man noch im Studium durch Tutoren unterstützt.

 

Ihr wart jetzt im Trainingslager (der "unmittelbaren Wettkampfvorbereitung" UWV) in Ratzeburg. Wie sieht der Tagesablauf aus? Wie bereitet Ihr Euch vor?

Genau waren sind seit dem 26. Juni in Ratzeburg. Der Tagesablauf ist so, dass man morgens gegen 6:30 Uhr aufsteht, dann die erste Rudereinheit absolviert, danach frühstückt und vormittags hat man dann entweder Krafttraining, eine kurze Lauf- oder Radeinheit oder Kräftigung. Danach gibt"s Mittagessen und nachmittags geht"s nochmal aufs Wasser oder man hat den Nachmittag frei. Also besteht der Tag quasi aus Training, Essen und Schlafen. Im Training werden neben vielen Kilometern Ausdauertraining auch verschiedene Belastungen gefahren um sich auf die Rennen vorzubereiten.

 

Dein erstes U23-Jahr – und dann direkt für die WM qualifiziert - wie fühlt sich das an? Bist Du schon ein bisschen aufgeregt?

Dass es dieses Jahr schon direkt mit der Nominierung für die U23-Nationalmannschaft geklappt hat freut mich sehr! Noch geht es mit der Aufregung -aber, wenn wir dann in Plovdiv sind, wird die Aufregung schon noch kommen. Spätestens am Start beim Vorlauf bin ich dann garantiert aufgeregt - aber das gehört ja auch dazu.

 

Letztes Jahr bei der Junioren-WM Silber im Achter – wie sind jetzt die Ziele?

Es ist schwer einzuschätzen wie unsere Chancen stehen, da man keine Vergleiche zu den anderen Booten hat. Wir werden sehen wie der Vorlauf am 19. Juli läuft und dann weitersehen. Motiviert sind wir natürlich trotzdem und wollen im besten Fall natürlich mit Medaille zurück nach Hause kommen.

 

Wie ist die Stimmung in Eurer Mannschaft? Teamgeist, oder auch mal Querelen?

In meinem Boot, dem Vierer ohne Steuerfrau, ist die Stimmung sehr gut. Da alle Bootsbesetzungen feststehen, herrscht auf jeden Fall Teamgeist und es gibt keinen Grund für Querelen.

 

Trainingslager, Wettkämpfe usw. - das ist ja alles nicht ganz billig. Wer finanziert das? Gibt es Sponsoren? Können Ruderer mit ihren Erfolgen Geld verdienen?

Richtig, billig ist es nicht. Zum Glück ist der Frauen-Vierer ohne Steuerfrau seit diesem Jahr olympisch und die Kosten für die UWV und WM werden jetzt auch vom DRV übernommen. Es ist schade, dass die finanzielle Förderung von Sportlern, vor allem in den nicht-olympischen Bootsklassen, nicht wirklich vorhanden ist. Oft tragen die Ruderclubs und -vereine, Landesverbände oder die Sportler selbst die Kosten für Regatten und Trainingslager. Die Kadersportler werden von der Deutschen Sporthilfe gefördert und bekommen monatlich Geld, so dass sie nicht neben dem Studium und Training noch arbeiten gehen müssen. Geld verdienen kann man mit Ruder-Erfolgen nicht wirklich. Vor allem nicht auf U19- oder U23-Ebene.

 

Der deutsche Frauenachter hatte in den letzten Jahren nicht die Erfolge wie die Männer ("Deutschlandachter"), war eher ein "Sorgenkind", hat 2016 nicht die Olympia-Qualifikation geschafft. Wäre das mal ein Ziel für Dich? Werden wir Dich vielleicht 2020 in Tokio im Achter sehen?

Ja, der A-Frauen Riemen-Bereich in Deutschland ist leider nicht mehr ganz so erfolgreich. Ich weiß nicht ob es für mich irgendwann mal zu Olympia geht, das wird man wenn es so weit ist dann wohl sehen. Ich bin erstmal zufrieden, dass es im Moment so gut läuft und hoffe, es geht so weiter in den nächsten Jahren.

 

Tabea, wir wünschen Dir für die WM in Plovdiv alles Gute und viel Erfolg! Danke für das Interview. – Das Interview führte Ulrich Heinemann.

 

Von Ulrich Heinemann

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